28. Mai 2009 – 13:37

Der Ursprung des Americano Cocktails

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie gerade in den letzten Jahren mehr und mehr Wissen über die Herkunft klassischer Cocktails recherchiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Fast schon legendär ist Jörg Meyers zu-Tage-fördern der Originalrezeptur des Cosmopolitan. Ebenso eine Bereicherung für die Liebhaber klassischer Shortdrinks ist die Komplettierung der Aviation-Rezeptur mit Creme de Viollette, die immer mehr Bars aufgreifen.

Beim Giffard West Cup 2009, an dem ich diese Woche in der Jury teilnahm, unterhielt ich mich mit dem italienischen Importeur der französischen Marke, Mirko Fiorenza (Tekbar), über beliebte Cocktails. Dabei kam die Rede auch auf den "Americano", die beliebte Mischung aus Campari, rotem Wermut und (optionalem) Soda. Mirko erzählte mir etwas über die Entstehungsgeschichte, das ich bis dahin nicht kannte.

Der Americano sei eine Hommage an einen italienischen Boxer. Primo Carnera war ein Schwergewichtsboxer, der in den USA 1933 den Weltmeistertitel in seiner Gewichtsklasse gewann. Er lebte von 1906 bis 1967. Der englischen Wikipedia zu Folge, besass er sogar zeitweise einen Spirituosenladen in Los Angeles. Die Suche bei Google fördert zu Tage, dass diese Version der Cocktail-Benennung in der deutschsprachigen Hemisphäre bereits bei Cocktails & Dreams eingetragen wurde. Ansonsten scheint die Version noch keine breite Streuung bekommen zu haben.

Die meisten anderen Internetseiten, die sich mit dem Americano beschäftigen, listen aber die Version, dass der Drink in Mailand kreiert wurde und ursprünglich "Milano-Torino" hieß. Dies publiziert auch die englische Wikipedia, die ich (im Gegensatz zur deutschen von Mr. Mangomix betreuten) persönlich immer mit größtem Argwohn betrachte, wenn es um Flüssiges geht: 

"The cocktail was first served in creator Gaspare Campari's bar, Cafe Campari, in the 1860s. It was originally known as the "Milano-Torino" because of its ingredients: Campari, the bitter liqueur, is from Milan and Cinzano, the vermouth, is from Turin
(Torino). In the early 1900s, the Italians noticed a surge of Americans
who enjoyed the cocktail. As a compliment to the Americans, the
cocktail later became known as the "Americano"." 

Es kommt aber praktisch nicht vor, dass ein populärer Cocktail im Lauf der Jahrzehnte plötzlich einen neuen Namen verpasst bekommt. Ein Cocktail wird, wenn er erfolgreich ist, ein kulinarisches Allgemeingut. Ich lasse mich gerne widerlegen, aber mir ist kein Beispiel bekannt, indem z.B. ein "Manhattan" langfristig plötzlich zu einem "Soho" wurde. Mich würde auch interessieren, ob es z.B. in Unterlagen von Campari tatsächlich einen Beleg für die These der 1960er gibt.  

Internetwissen ist gefährlich. Die Version mit dem Boxer mündlich von einem Italiener und danach auch von einem italienischen Bartender bestätigt zu bekommen, macht sie für mich einiges authentischer und glaubhafter. Die Americano-Gruppe auf Facebook erzählt übrigens beide Versionen und zählt bereits knapp 1400 Mitglieder. Populär ist die schlichte Mischung also nach wie vor, egal wie alt sie wirklich sein mag.

 

Links: 

http://de.wikipedia.org/wiki/Primo_Carnera

http://en.wikipedia.org/wiki/Primo_Carnera

Kategorien:

Re: Der Ursprung des Americano Cocktails

Ohne jegliche belegbare Quellen, möchte ich mich dennoch zur Mutmaßung hinreißen lassen, das der 'Milano-Torino' eine sehr viel neuere Wortkreation aus Londoner Kreisen ist.

Re: Der Ursprung des Americano Cocktails

Jetzt wirds kompliziert :) Eine Zuatzinformation von mir ist das der "Milano - Torino" auf dem "Torino - Milano" basiert! Der Drink war ursprünglich mit "Amaro Cora" (ein Bittter aus Turin mit Nelken, Zimt und Orangenaromen) und Campari gemixt. Wenn gewünscht Top mit Soda! Der Amaro Cora kann bei ausgesuchten Fachhändlern eingekauft werden!

Re: Der Ursprung des Americano Cocktails

Na dann einen AMERICANO auf den ITALIENER!

Re: Der Ursprung des Americano Cocktails

Ich persönlich finde die Geschichten zu den Ursprüngen von Cocktails immer sehr spannend auch Gäste lassen sich damit sehr leicht begeistern…,-) Natürlich sollte man nicht alles glauben oder zumindest auch selbst immer kritisch hinterfragen, was man so hört und in diversen Medien ließt. Die Geschichte von meinem Landsmann Mirko Fiorenza macht mich etwas stutzig.
Nach meinem Wissen nach gilt der Americano als der „große Bruder“ des nicht weniger bekannten klassikers Negroni. Der Negroni wurde „angeblich“ um 1919 vom Florentiner Bartender Fasco Scarselli für den Grafen Camillo Negroni gemixt, der am jenen Abend nach einem stärkeren Drink verlangte und deshalb einen Americano mit Gin statt Soda bestellte. Demzufolge muss es den Americano bereits vor 1919 gegeben haben.
Laut Wikipedia bestritt der Boxer Carnera seinen ersten Profi-Kampf am 12. September 1928 in Paris gegen Leon Sebilo, d.h. der Boxer Carnera war bis dahin ein No-Name.
Somit wäre doch bewiesen, dass die Geschichte vom Signore Fiorenza sehr sehr unwahrscheinlich ist. Was natürlich sein kann, dass der Boxer Carnera sich nach seinem Erfolg als Boxer dem Americano etwas mehr verpflichtet fühlte und ihm deshalb öfter die Ehre erwies (Hommage)……..;-)

Salute